„An den Haaren ziehen – das geht gar nicht“


Als Superstar Cristiano Ronaldo in seinem 154. Spiel der Fußball Champions-League zwischen seinem neuen Club Juventus Turin und dem FC Valencia vom deutschen Schiedsrichter Dr. Felix Brych wegen Haareziehens mit Rot vom Platz gestellt wird, gibt es für viele nur einen Schuldigen: den Unparteiischen. Als Buhmann hat der Schiedsrichter aber auch im Amateurbereich nicht ausgedient. Besonders beliebt ist der Job an der Pfeife jedenfalls nicht. Wochenende für Wochenende müssen sich auch die Spielleiter in der Region und entlang der Bergstraße so einiges gefallen lassen – davon nicht ausgeschlossen ist der Jugendbereich. Da kommt es nicht von ungefähr, dass allein im Fußballkreis Mannheim rund 50 Schiedsrichter fehlen und deshalb immer wieder Spiele ausfallen müssen.

Die Verantwortlichen um den Vorsitzenden der Schiedsrichtervereinigung Mannheim, Ivo Leonhardt (35), versuchen mit ihren kostenlosen Neulingslehrgängen, die einmal im Jahr stattfinden, für das Schiedsrichterwesen die Werbetrommel zu rühren. „Wir sind seit Jahren dringend auf Nachwuchssuche“, sagt Leonhardt, der seit 2013 das Amt innehat.

Teilnahme aus reiner Neugier

Diesmal haben sie einen echten Volltreffer gelandet. Der Leutershausener Tobias David (50) nahm aus reiner Neugierde gemeinsam mit seinem Sohn Ben (12) an dem Neulingslehrgang beim MFC Phönix Mannheim teil. Beide bestanden ihn mit Bravour und greifen seitdem zur Pfeife. Aktuell haben Vater und Sohn jeweils drei D-Jugendspiele geleitet. „Es macht großen Spaß“, sagt Ben, der in der Regel sogar als Jüngster und meist auch Kleinster auf dem Platz steht, doch allein durch sein Auftreten und seine Körpersprache sich schnell den nötigen Respekt verschafft. „Auf dem Platz bin ich die Autorität“, sagt er selbstbewusst.

FVL braucht mehr Schiris

Während Ben in der Regel sonntags also zur Pfeife greift, spielt er samstags selbst noch in der C-Jugend des FV Leutershausen. Dort konnte man sein Glück gar nicht fassen. Seit dem Aufstieg des FVL in die Kreisliga muss der Verein in der Saison nämlich insgesamt fünf Schiedsrichter stellen. Wird das Soll nicht erfüllt, warten empfindliche Geldstrafen am Ende der Runde auf den Verein.

FVL-Vorsitzender Marcel Fischer war zunächst einmal überrascht. „Ich habe, wie in jedem Sommer, die Flyer für den Neulingskurs verteilt und überhaupt nicht damit gerechnet, dass das jemanden interessieren könnte.“ Umso erstaunter war er, dass mit Tobias und Ben David gleich zwei Leutershausener am Lehrgang teilnahmen und ihn sogar bestanden. In einem Crashkurs an fünf Tagen wurde den Davids in Theorie und Praxis alle Grundlagen beigebracht, die sie als Schiedsrichter beherrschen müssen – vom Spielfeldaufbau, über die Ausrüstung der Spieler und die Markierungen auf dem Feld bis hin zur Regelkunde.

Ganz besonders schwer zu entscheiden empfindet Tobias David: „Wie wird das Spiel nach einer Be-strafung fortgesetzt. Darüber macht man sich beim Zuschauen überhaupt keine Gedanken.“ Außerdem: „Wann gibt es direkten, wann indirekten Freistoß, wann eine Gelbe, wann eine Rote Karte?“ Tobias David sieht den Fußball jetzt mit ganz anderen Augen und hat auch vielmehr Verständnis für den Unparteiischen, „dessen Augen ja fast überall, am besten noch gleichzeitig sein müssen.“

Ein dickes Lob hat der gebürtige Schwabe für die Organisatoren des Lehrgangs parat. Unter Schiedsrichterlehrwart Dennis Boyette sei alles bestens organisiert gewesen. „Respekt. Das war schon sehr professionell.“ Professionell gekleidet treten Vater und Sohn natürlich auch bei den Jugendspielen auf. Für die Schiedsrichterkleidung und Ausrüstung gibt es vom Verein einen satten Zuschuss. Und mit 13 Euro pro Spiel kann Ben zumindest sein Taschengeld ein wenig aufbessern.

Lernen fürs Leben

In den ersten beiden Saisons werden die beiden noch von erfahrenen Schiedsrichtern begleitet. Nach jedem Spiel erfolgt eine Analyse. Dennis Boyette dazu: „Diese persönliche Betreuung ist wichtig, um die Neulinge auch zu halten und ihnen bei schwierigen Situationen zur Seite zu stehen. Die Nachhaltigkeit liegt uns ganz besonders am Herzen.“

Dass mit den beiden Davids Vater und Sohn für das Schiedsrichterwesen gewonnen werden konnten, ist natürlich schon etwas Besonderes. Tobias ist sich sicher, dass sein Sohn bei den Spielleitungen auch viel für das Leben lernt. „Er muss Situationen beurteilen, schnelle Entscheidungen treffen und entsprechende Strafen aussprechen – wie im Alltag auch.“ Ben David jedenfalls hat als Schiedsrichter große Ziele: Bundesliga und Champions-League will er irgendwann einmal pfeifen – das wär’s. Und für Haare ziehen, wie es Ronaldo gemacht hat, gäbe es von Ben übrigens auch die Rote Karte. „Das geht nämlich gar nicht.“ MC

Tobias David und sein Sohn Ben aus Leutershausen sind an den Wochenenden als Fußball-Schiedsrichter unterwegs. Bild: Michael Callies

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