Keiner will Vorsitzender werden


Vize Jürgen Drefs springt in die Bresche / Marcel Fischer tritt bei der Mitgliederversammlung im Sportzentrum nicht mehr an

Eine sehr emotionale Rede Marcel Fischers, mahnende Worte des Bürgermeisters und Vereinsmitglieds Ralf Gänshirt sowie des Fördervereinsvorsitzenden Günter Sauer – es half alles nichts: Der Fußballverein Leutershausen (FVL) findet keinen Nachfolger für den Vorsitzenden Fischer. Der 300 Mitglieder starke Verein ist aber nicht kopflos, denn Vizechef Jürgen Drefs übernimmt ab sofort das Ruder.

Knapp eineinhalb Stunden waren bei der Mitgliederversammlung im Sportzentrum vorbei, da stellte der Wahlausschuss, bestehend aus Ralf Gänshirt, Hubert Kempf und Edgar Brand, die alles entscheidende Frage: Wer kandidiert für den Vorsitz? Keine Reaktion bei den knapp 35 anwesenden Fußballern, die rund zehn Prozent des Vereins repräsentierten. Es ging so weiter. Auch der Posten des Schriftführers blieb unbesetzt. Immerhin wurde Ben Erdmann zum neuen Jugendleiter gewählt. Sein Stellvertreterposten blieb wiederum vakant. Den Posten des Beisitzers konnte man mit Dieter Helfert besetzen. Und Klaus Schulz und Klaus Hüller bleiben Kassenwarte.

Fischer ist ausgebrannt

Die Situation beim Traditionsverein war traurig, aber nicht ungewohnt. Bitter vor allem deshalb, weil der scheidende Vorsitzende Fischer trotz Corona-Pandemie eine gute Bilanz vorgelegt hatte. Der von ihm verlesene und von Kassenwart Andreas Apfel erstellte Kassenbericht zeigte, dass der FVL die Corona-Krise finanzielle mit einem blauen Auge überstanden habe. Auch bei den Mitgliedern kamen es nicht zu massiven Austritten.

Und bei der 1. und 2. Mannschaft stehe man ebenfalls sehr gut da: „Wir haben über 50 Spieler. Das war seit vielen Jahren nicht mehr so“, freute sich Fischer und blickte sportlich optimistisch auf die neue Saison in Kreisliga und B-Klasse. Auch bei den FVL-Jugendmannschaften läuft es rund, wie dem Bericht des scheidenden Jugendleiters Christian Schrödersecker zu entnehmen war.

Bei der Beschreibung der aktuellen Situation gab Vorsitzender Fischer auch einen tiefen Einblick in sein Gefühlsleben. „Die Probleme im Vorstand haben sich trotz zahlreicher Appelle nicht geändert, sondern eher verschlechtert. Wichtige Führungskräfte sind seit Jahren Mangelware“, klagte er. Er habe daher schon länger entschieden, dass er nicht mehr kandidieren werde: „Ich trete übrigens nicht zurück, sondern stehe nicht mehr zur Verfügung. Nicht, dass einer meint, mir ist ‘ne Laus über die Leber gelaufen.“ 20 Jahre lang war er Spieler, Spielführer, Trainer, Pressewart, Spiel- und Kulturausschussvorsitzender und Vorsitzender gewesen: „Irgendwann ist der Akku mal leer. Und ich habe einen hohen Anspruch ans Amt. Und dies kann ich so nicht weiter verantworten“, betonte der scheidende Vorsitzende und räumte zugleich Fehler ein: „Ich hätte viel früher Nein Sagen sollen. Es ist mir nicht gelungen, den Verein strategisch besser aufzustellen, denn ich war mit dem Tagesgeschäft und dem Spielbetrieb zu sehr beschäftigt.“ Stinksauer werde Fischer allerdings über die Aussage, wonach eine Person nach 20 Jahren nicht mehr antrete, und jetzt beim FVL alles den Bach runtergehe. „Hier liegt nichts brach. Selbst wenn Ämter nicht besetzt werden. Dies hatten wir schon früher. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, auch ohne den Vorsitzenden“, fügte er hinzu. Auch das im nächsten Jahr anstehende 100-jährige Bestehen könne durchgeführt werden. Als Bürgermeister und Vereinsmitglied Gänshirt diese drastischen Worte hörte, zeigte er sich betroffen. „Es ist ein gut bestelltes Feld und damit eine Steilvorlage für alle Mitglieder, dieses gute Feld weiter zu bestellen.“ Für ihn sei es jetzt an der Zeit, dem Verein auch mal etwas zurückzugeben. Gänshirt regte an, die Strukturen zu überdenken und die Arbeit auf mehreren Schultern zu verteilen. Fördervereinsvorsitzender Sauer hielt ebenfalls einen flammenden Appell. Er wählte das Symbol des Schwarz-Weiß-Bildes. Weiß sei der Spielbetrieb und die Arbeit des Vorsitzenden, schwarz der Rest des Vereins. Auch er mahnte dazu, die veralteten und verkrusteten Strukturen aufzulösen. Sein Fazit: „Der Vorsitzende hat zu viele Aufgaben. Zu viel lastet auf seinen Schultern.“

Kritik äußerte bei der anschließenden Debatte ein Mitglied über den Zeitpunkt Fischers, nicht mehr anzutreten. „Das kann ich nicht nachvollziehen, immerhin steht das Jubiläum 2022 vor der Tür. Ein Jahr früher oder ein Jahr später wäre besser gewesen“, so dessen Einschätzung. Das Jubiläum wäre immerhin eine gute Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Wenn wir so weiterwursteln, wird das nix“, meinte er. Fischer ließ dies so nicht stehen. Er habe vor Jahren gesagt, dass er aufhöre. Und so schlecht sei der Zeitpunkt gar nicht. Jetzt könne jemand Neues das Thema angehen. Dass er sich vom Acker mache – dieser Gedanke passte ihm gar nicht. Sehr wohl bleibe er Ansprechpartner. Was die Befürchtung zum Jubiläum anbelangt, stellte er klar: „Ich habe doch gar nicht gesagt, dass das Jubiläum nicht stattfindet.“ Am Ende der Versammlung einigte man sich darauf, die Probleme in einer Strukturkommission oder „Taskforce“-Gruppe zu besprechen.

(wnoz v. 24.07.21)

Sportlich läuft es gut, nur bei der Suche nach Führungspersonal hapert es: Der FV 1922 Leuterhausen fand bei der Hauptversammlung keinen Nachfolger für den Vorsitzenden Marcel Fischer. Sein Stellvertreter Jürgen Drefs übernimmt das Ruder. Sitzend von links: Spielausschussvorsitzende Karl-Heinz Durath, Zweiter Vorsitzender Jürgen Drefs, Jugendleiter Christian Schrödersecker und Vorsitzender Marcel Fischer (stehend). Bild: Philipp Reimer

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